3 x HURRA
Bericht vom bundesweiten Zeitungstreffen der Psychiatrie-Erfahrenen 12. - 14.12.97

„Von der Seele schreiben bis Gehör verschaffen"



Nach dem zweiten Treffen der Psychiatrie Zeitschriften, welches in Berlin-Friedenau im KommRum stattfand, ging es im dritten Treffen nach Rostock.

"Frieden", so heißt ein Herbergsschiff am Anleger Schmarl, von der DJH, war Tagungsort für die Gemeldeten auf freiwilliger Basis erschienenen TeilnehmerIn-nen.

Wir wollten in Gruppen über die Zensur und Finanzie-rung, die Landesverbände der Psychiatrie-Erfahrenen, Internet, „Foucault Tribunal zur Lage der Psychiatrie", Störung der Arbeit durch andere und weitere von den Redaktionen gewünschte Themen sprechen.

Die mehrstündige Anreise von Berlin aus, war kein Grund für uns Berliner fernzubleiben, mit dem Zug oder Auto wurde diese Strecke bewältigt. Acht BerlinerInnen nahmen so an dieser Veranstaltung, die einen geselligen Rahmen hatte von hier teil.
Die anderen Redaktionen von anderen Landesteilen waren schon an Bord, als wir von der Irren-Offensive ankamen.

Erst wurde sich ausgebreitet, d.h. die mitgebrachte Ar-beit, Zeitschriften der eigenen Produktion abgelegt, dann bei Kaffee, Tee und Gebäck der Name, Mandat und Produkt vorgestellt.

Die Art des sich Einbringens in das Bundestreffen gefiel allen. Nach Abendbrot ging es dann Gruppenweise in das Umland (Rostock, Warnemünde, Hafen und Schaustel-lerfest (Weihnachtsmarkt) oder im nahegelegenen Re-staurant/Imbiß zum Privatgespräch und Erfahrungsaus-tausch. Später wurde sich auf die Zweipersonenkabine im Doppelstockbett der Nachtruhe gewidmet und am anderen Tage ging es dann an die Gruppenarbeit.
Dieser Erfahrungsaustausch war lehrreich und brachte Motivation, d.h. Gewinn zum Weiterarbeiten für sich und andere.

Nach zweitägiger Übernachtung bei gutem Essen und Kultur, fuhren wir nach Berlin zurück, um in den Grup-pen über Erlebtes zu berichten und so den zu Hause gebliebenen Gefühle nach Umsicht und Zusammengehö-rigkeit zu vermitteln.


Hartmut Seiffarth


Zu folgenden Arbeitsgruppen liegt ein Protokoll vor:
1. Internet
2. Technische Hilfsmittel
3. Persönlicher Erfahrungsaustausch
4. Foucault Tribunal

Hier eine Zusammenfassung der Protokolle:

1.Internet
Zur Illustration des Internets ist die Gruppe in die Re-daktionsräume der Zeitschrift „Lichtblick" gefahren, die sich in Rostock befinden. Der Lichtblick hat eine eigene Homepage im Internet.
Vor Ort fand dann ein Brainstorming und eine Diskussi-on statt.
Einige befürchten stärkere Anonymisierung durch das Internet. Das hätte aber andererseits auch den Vorteil, die „Hemmschwelle" herabzusetzen. Es wurde vor der Ver-netzung mit dem Psychiatrie-Verlag gewarnt.
Die Kostenersparnis der e-mail wurde hervorgehoben.

2. Technische Hilfsmittel
Unter technischen Hilfsmittel verstehen wir:
Kopierer, Computer, Schreibmaschine, Lichttisch.
Die Zeitungsarbeit entwickelt sich immer mehr zum Betrieb einer Person, die alles alleine am Schreibtisch macht.
Einige produzieren ihre Zeitschrift mit Schreibmaschine und das Layout am Lichttisch, einige mit Computer.
Ehrenamtliche Arbeit ist bewundernswert, wenn sie gut läuft. Bei Angestellten besteht die Gefahr, daß die Stelle die einzige Motivation ist.
Der Austausch über Methode und Erfahrungen wurde als positiv und wichtig empfunden.

3. Persönlicher Erfahrungsaustausch
a) Beweggründe fürs Schreiben
- mehr Klarheit über sich selbsst
- Selbstreflexion
- Schreiben zur Selbstfindung
„Bei den Psychiatrie-Erfahrenen habe ich die Sprache gefunden, die ich jahrelang suchte."

b) Warum mache ich Zeitung?
- Öffentlichkeitsarbeit
- Aufklärungsarbeit
- Vernetzung mit der Kulturscene
- Informationsaustauch
- Kritikbühne

4. Foucault-Tribunal
Ergebnisse der Arbeitsgruppe:
Aufruf an alle Redaktionen, auf das Foucault-Tribunal aufmerksam zu machen und so die Diskussion vor Ort anzukurbeln.
Eine Anzeigenkampagnen in großen Zeitungen wird in Erwägung gezogen.

Mittlererweile gibt es bundesweit etwa 70 Selbsthilfe-zeitungen von Psychiatrie-Erfahrenen.

Eleonore Ernst

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